Midlife-Crisis: warum wir uns mit 40 nach Sinn und Erfüllung sehnen
Mit Anfang 20 dachte ich bei Midlife-Crisis an einen Mann, der seine Ehefrau für eine jüngere Partnerin verlässt und mit einem schicken Sportwagen durch die Gegend fährt. Was für ein Klischee! Heute, mit 53, habe ich einen anderen Blick auf das Thema Midlife-Crisis.
Mit diesem Blogbeitrag möchte ich dich und andere Frauen ermutigen, ihre emotional aufwühlende Lebensmitte nicht als Krise zu sehen. Sondern als Phase voller Möglichkeiten, uns und unser Leben zu reflektieren und neu zu justieren.
„Verstehen kann man das Leben nur rückwärts. Leben muss man es vorwärts.“ - Søren Kierkegaard
Was bedeutet Lebensmitte, warum ist sie so turbulent und was können wir gegen diese Unzufriedenheit tun?
Definition Lebensmitte
Lebensmitte und Vergänglichkeit
Wir bilanzieren
Lass uns offen darüber sprechen
Wissenschaftlich bewiesen
Entdecke die Forscherin in dir
Neuorientierung braucht Zeit
Definition Lebensmitte
Rein rechnerisch liegt die Lebensmitte für Frauen in Deutschland bei 41,6 Jahren. In diesem Beitrag spreche ich von der gefühlten Lebensmitte. Ich definiere damit die Zeitspanne zwischen Ende 30 und Mitte 50.
Jede Frau erlebt diese Phase unterschiedlich intensiv, mal früher und mal später. Je nachdem, wie früh sie in das Berufsleben eingetreten ist, eine Familie gegründet hat, wie gesund die eigenen Eltern noch sind und wie sie ihre aktuelle Lebenssituation bewertet.
Lebensmitte und Vergänglichkeit
Wir Frauen sind in unserer Lebensmitte nicht nur mit der Hormonumstellung unseres Körpers beschäftigt (was an sich schon genügend Potential für Stimmungsschwankungen und psychische Beschwerden hat). Es kommen soziale Veränderungen on top:
unsere Kinder werden selbstständiger
oder sind aus dem Haus
der ersehnte Kinderwunsch erfüllt sich nicht
Menschen im Freundeskreis erkranken schwer
Ehepartner trennen sich
die eigenen Eltern werden älter und pflegebedürftiger
im Berufsleben dreht sich alles um die jüngeren ‚high potentials‘.
Wir werden in der Lebensmitte mit Vergänglichkeit konfrontiert und machen uns Gedanken über unsere Zukunft, beruflich und privat. Wir fühlen uns oft mental erschöpft.
Wir bilanzieren
Wir waren in der Schule, haben eine Ausbildung abgeschlossen oder studiert. Wir haben Karriere gemacht, eine Familie gegründet und ein Eigenheim gekauft. Wir fahren regelmäßig in Urlaub und genießen gesundes Essen. Was für ein tolles Leben! Und das alles mit dem Ziel, in der Lebensmitte endlich das Gefühl zu haben, angekommen zu sein und die Früchte unseres bisherigen Lebens zu ernten.
Doch plötzlich wackelt unser Lebensmobile, es gerät immer ein Stückchen mehr aus der Balance. Die jugendliche Unbeschwertheit schwindet, wir tragen finanzielle Verantwortung. Die Anforderungen an unsere Rollen ändern sich. Alltagsroutinen schleichen sich ein. Wir fühlen uns häufig fremdbestimmt und im Funktionsmodus.
Phasenweise haben wir das Gefühl, alles im Griff zu haben. Wir reden uns gut zu: „das ist ganz normal/ das wird schon wieder/ eigentlich geht es mir ja gut/ anderen geht es viel schlechter“. Das glauben wir so lange, bis uns die nächste Welle an Selbstzweifel und Unzufriedenheit überrollt.
Uns wird bewusst, dass die Hälfte unseres Lebens vorbei ist. Wir fragen uns, ob das schon alles gewesen sein kann? Wir überlegen, was uns unsere Zukunft noch zu bieten hat? Hätte ich mich irgendwann anders entscheiden sollen? Habe ich etwas verpasst? Ich weiß nicht, was ich will. Aber so kann es nicht weitergehen.
Viele Menschen glauben, mit 40-50 ist man zu alt für eine Neuorientierung. Ist das auch deine Wahrheit? Dazu gebe ich dir eine kurze Rechenübung: ziehst du von der ersten Lebenshälfte die Jahre der Kindheit und Jugend ab, hattest du bis zur Lebensmitte 20-25 Lebensjahre, die du eigenverantwortlich gestaltet hast.
Wem möchtest du die Gestaltung deiner kommenden 35-40 Lebensjahre überlassen, wenn nicht dir? Im Idealfall sprechen wir hier von mehr selbstbestimmten Lebensjahren als in deiner ersten Lebenshälfte.
Lass uns offen darüber sprechen
Viele Frauen fühlen sich in ihrer Lebensmitte mit ihren Gedanken, Zweifeln und ihrer Unzufriedenheit nicht gesehen oder missverstanden. In der Familie und im Freundeskreis wird das ‚Jammern auf hohem Niveau‘ gerne belächelt.
Ich wünsche mir, dass wir alle offener mit dem Lebensgefühl Lebensmitte umgehen.
Warum spricht man umgangssprachlich von einer Krise und nicht von einer Entwicklungsphase wie der Pubertät? Über einen natürlichen Reifeprozess, der uns unsere Werte, Prioritäten und Ziele überdenken lässt? Über die großartige Chance, uns Selbst wieder zu entdecken und aufzublühen?
Die Lebensmitte ist der perfekte Zeitpunkt dich zu fragen: Wer möchte ich sein und was ist mir wirklich wichtig? Und dann komme in die Umsetzung! Damit du dich nicht mit 80 in deinem Schaukelstuhl sitzend fragen musst: wie konnte ich in der Mitte meines Lebens mein eigenes Ich verpassen?
Wissenschaftlich bewiesen
Laut einer aktuellen Studie verläuft unsere Lebenszufriedenheit wie eine u-förmige Kurve und hat bei Menschen in Industrienationen mit 47,2 Jahren ihren Tiefpunkt. Unabhängig von Einkommen, Beziehungsstatus oder Lebenserwartung.
C.G. Jung (1875-1961), der Begründer der analytischen Psychologie, hat sich intensiv mit der Entwicklung der zweiten Lebenshälfte beschäftigt. Er nannte diese Zeit, in der man seine Einzigartigkeit annimmt und zum Ausdruck bringt (mit allen Ecken und Kanten), den Individuationsprozess.
Laut C.G. Jung widmen wir die erste Lebenshälfte der Expansion: dem Erreichen sozialer Ziele wie Beziehungen, Beruf, Familie, Anerkennung. Er war der Meinung, dass diese einseitige Ausrichtung häufig die Ursache für eine Depression in der Lebensmitte ist. Einseitig, weil wir bei der Gestaltung unserer Persona (unserem der Umwelt angepassten Gesicht) unbewusst einige wichtige Wesenszüge vernachlässigt haben.
Die zweite Lebenshälfte dient laut C.G. Jung der Ausrichtung nach innen, er nannte sie Introversion. Es geht um die Beschäftigung mit dem eigenen Selbst. Dem wahren Ich mit allen bewussten und unbewussten Anteilen in uns. Hier entdecken wir neben unserer Persona im Außen, die ungelebten Wünsche und Bedürfnisse, die wir viel zu lange unterdrückt haben. Wir entwickeln in der Lebensmitte ein anderes Wertesystem.
Diese ‚innere Arbeit’, dem Beschäftigen mit dem eigenen Selbst, gibt unserem Leben einen Sinn und ein Ziel. Zwei der fünf Säulen, die in der Positiven Psychologie als Basis für Zufriedenheit gelten.
Entdecke die Forscherin in dir
Hinter der Sinnfrage steckt häufig der Wunsch nach Orientierung, Zufriedenheit und Leichtigkeit. Die Antwort auf diese Frage finden wir in uns. In dem Bewusstsein, wer wir ohne all unsere Rollen sind und was uns wirklich wichtig ist.
Was wir dafür brauchen? Offenheit, Mut, Neugier und Durchhaltevermögen.
Lerne dich neu kennen, stelle dir gute Fragen:
Was sind deine Werte, Stärken und gelernten Fähigkeiten?
Was hast du als Kind gerne gemacht?
Wann bist du im Flow?
Wie definierst du Sinn und Erfolg?
Wo genau liegt deine Unzufriedenheit?
Hat sie eine inhaltliche Ursache oder sind die Rahmenbedingungen der Grund?
Aus was bist du rausgewachsen?
Wofür stehst du nicht mehr zur Verfügung?
Was magst du loslassen?
Was magst du behalten?
Was darf neu oder wovon darf mehr in dein Leben kommen?
Wie kannst du deine Stärken stärken?
Wer kann dich bei deinen Plänen unterstützen?
Neuorientierung braucht Zeit
Mach dir bewusst, was du in deinem Leben bereits erlernt und erlebt hast. Das ist dein ganz individueller Erfahrungsschatz. Gleichzeitig gibt noch so viel Neues zu entdecken und zu erleben! Gestalte dir eine zufriedene und selbstbestimmte zweite Lebenshälfte in Einklang mit deinen Werten, Stärken und Bedürfnissen. Schritt für Schritt, lass dir Zeit. Persönlichkeitsentwicklung und Neuorientierung geschieht nicht über Nacht. Auch ein Schmetterling braucht Ruhe und Zeit, um sich zu entpuppen.
Befindest du dich gerade in dem Gefühlschaos Lebensmitte? Gönne dir eine Abkürzung und lass dich von einem Coach oder Mentor begleiten. Von jemandem, der diesen Weg schon gegangen ist. Gerne auch von mir.
Now is your time to flourish,
Deine Karin Lua
Quellen:
Antje Gardyan, Buch “Worauf wartest du noch?”
Studie zur U-Kurve: https://www.nber.org/papers/w26641, https://www.stern.de/gesundheit/47-jahre---in-diesem-alter-sind-menschen-am-ungluecklichsten-9094872.html;
Bei Interesse über Wechseljahre: https://www.rosenfluh.ch/media/gynaekologie/2009/01/Psychische_Erkrankungen_in_der_Menopause.pdf, https://www.freundin.de/gesundheit-menopause-depression-studie, https://www.news.at/a/lebenskrise-midlife-crisis-frauen-9121876
KARIN LUA
Selbstführung, Authentizität und Lebensfreude
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